Vienna Rest in Peace

by Vienna Rest in Peace

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1.
Totgestochen liegt dein Schatten in den Fängen der feigen Nacht, ins Rad geflochten, grob geschändet grad noch lebendig, nun verendet. Vienna, rest in peace. Mein Daumen steckt in deiner Schraube der Schmerz ist woran ich noch glaube. Langsam quält sich das Zwergenrad, der Mond schweint still, tropft auf dein Grab. Vienna, rest in peace.
2.
Es ist Winter: Alpenvorland, Schneereste, ein Krähenruf. Auf dem Hügel ein Stoppelfeld. Dort brennt ein Feuer. Das Feuer sind wir. Ich will nicht, dass du dich blau fühlst, in dieser sterbenswerten Stadt. Komm wir schaffen in Gedanken, mit unsrer Haltung, ein Exil. Ist ein Ort, wo alles glänzt: Kanalgitter, Rinnstein, Schnee. Kommt ein Frühling – als Schmetterling – und flattert zu dir. Das Flattern sind wir. Wir lachen ins Mündungsfeuer, flattern ums Mottenlicht. Wir machen gern die neuen Schulden, denn wir fürchten die Zukunft nicht. Ich will nicht, dass du dich blau fühlst, in dieser sterbenswerten Stadt, die keine Fenster und auch keine Türen, aber so viele Mauern hat.
3.
Sing das Lichtmatrosenlied, die See sehnt sich nach dem See, Opernhausmusiknarkose und dann Totenschädelweh. Flackert dein Sturmlaternenaug? Ent-schreib den Namen aus dem Staub, ent-streu das Salz aus meiner Wund, ent-schlag den Zahn in meinen Mund. Sanftes Liedmatrosenlicht wärme deine Stimmungsgicht, Hoffnungsarthrose, Pein in Sicht, die Seelenflosse paddelt nicht. Stich Sterne aus dem Teig der Klänge, entbinde den Wunderverband, brich dein Erbrechen ab, zerschlaf die Zwänge, schwemm dich an den nächsten Strand. Beug zu den Knien deine Stirn, verbirg das Pochen in deinem Leib, trink den Kräuterträgheitstee, fühl das Leichtmatrosenleid.
4.
Die Nacht rinnt aus, tropft auf die Gleise, schmiert die Schienen für den Tag. Der Morgen räuspert sich und fragt: Nein, ich bin noch nicht bereit. Ich bin nicht wach und kann nicht schlafen, denke an den Staat der Affen, wo weder Scham noch Würde Wünsche bremst, keine Ironie den Einsatz hemmt. Seit meiner Jugend liegt zerstört, am Praterstern das Riesenrad, Wald hat die Trümmer überwachsen, durch das Dickicht führt kein Pfad. Dort klingt das Lachen wie Kriegsgeschrei, nach Freiheit und auch nach Gewalt. Der Staat der Affen hisst keine Flaggen. Oh, wir sind noch nicht soweit. Der Staat der Affen ruft nach mir. Wenn ich an mein Ende denke, wenn Blätter falln, der Herbst beginnt, erfasst mich stets Melancholie: Das passiert den Affen nie. Affen hören nicht die Beatles, und Gott sei Dank auch nicht die Stones, ihr Heulen ist der wahre Punk, Wien in Angst, das System wankt. Der Staat der Affen ruft nach dir. Die Nacht rinnt aus, tropft auf die Gleise, schmiert die Schienen für den Tag. Die Affen sind uns überlegen, es ist Zeit, sich zu ergeben. Bei ihnen herrscht das gute Leben, das uns längst abhanden kam: Komm, wir geben alles auf. Komm, wir bitten um Asyl. Der Staat der Affen ruft nach uns.
5.
In deinen Löchern, zerschossener Palast, flötet der Wind. Deine Schatztruhen sind verbrannt, vergessen. Den Weg säumen Trichter. Zerschossener Palast, bist du noch unbewohnt? Staub verhüllt den Horizont, dahinter ist nichts. Das ist, was man Freiheit nennt. Wir tappen umher, suchen heimliche Ecken, breiten unsere Decken auf deinen Beton. Das ist, was man Freiheit nennt. Die Mondsichel sticht durch zerbrochene Scheiben. Hier wollen wir bleiben. Wir beten nicht.
6.
03:17
Ich heb nachts die Axt, und ich schlachte das Pflaster der Gassen ab. Ich wank durch die Welt, werf der Reih nach die Tage ins Massengrab. Wenn einer mir Geld borgt, dann kauf ich dem Sandmann die Pillen ab und steig in mein Bettchen und träume von einem Schneewittchensarg. Ich habe keine Angst mehr. Das ist jetzt alles vorbei. Am Ende der Wochen: Die billigsten Dosen im Umspannwerk. Die diversen Schmerzen nach Nächten in Steyr und auch in Wien. Mit schwerem Gepäck durchs Land, schwitzend, den Zug immer fast versäumt. Wir waren so altklug, sind älter heut und was sonst? Weiß ich nicht. Ich habe keine Angst mehr. Das ist jetzt alles vorbei. So frisch fühlt die Luft sich an, öffnet sich etwa der Sarkophag? Die Axt wurde stumpf, und ich freue mich fast auf den nächsten Tag. Ich habe keine Angst mehr. Das ist jetzt alles vorbei.
7.
Berühr doch bitte meine Atemnot, gib mir zur Peitsche nun das Gnadenbrot. Reiß des Tages Wurzeln aus meinem Gesicht, geh in mir auf als Abendlicht. Berühr doch bitte meine Atemnot. Zieh schwarzes Gewebe über unsre Welt, streu Blütenblätter auf das Geld. Entnimm die Unruh aus meinem Herzenswerk, vergrab sie tief unter dem Schuldenberg. Berühr doch bitte meine Atemnot. Kriech auf mich zu aus feinen Ritzen. Ich bin dein schlachtbereites Lamm. Bürste mein Zögern weg mit einem Kamm, stich mir den Zweifel aus mit deinen Spitzen. Forste mich auf, brich meinen Damm, reich mir an deinem Stock den Essigschwamm. Entfern die Süße aus dem schweren Wein. Wenn ich verschlossen bin, dann schlag mich ein. Berühr doch bitte meine Atemnot.
8.
Ich hab getan, was streng verboten ist: Das Pferd von hinten aufgezäumt, den Kutscher überfahrn, auf Geisterfahrt. Ich habe den Dämonen nichts versprochen, hab aber auch nicht nein gesagt. Man hält sich alles offen, auf Geisterfahrt. Mein Leintuch blies der Wind den Weg entlang. Und dann: Ich folgte seinem Pfad, es zog mich weit, weit fort, auf Geisterfahrt. Wir sind Gespenster, existieren nicht: Trotz Konto, E-Card, Führerschein bei Tag und Nacht allein, auf Geisterfahrt.
9.
02:41
Spring in den Frühling! Komm, schmeiß deine Krücken weg, denn diese Dinge, die kosten kein Geld. Horch, auf den Straßen, da tanzen Geräusche, die du schon seit Jahren nicht mehr gehört hast. Spring in die Arme des freundlichen Rübezahl, der jeden Grashalm mit Formeln bespricht, dessen Gesicht ein sich kräuselnder Bart umfließt, wie eine Quelle, die alles erfrischt. Flieh aus der morschen und einsturzgefährdeten Burg, die dich langsam und sicher erstickt. Spring in das schillernde Sprungtuch der Feuerwehr, tod ist die Grenze, erbeutet das Licht. Flieh in den Frühling, er wird für dich sorgen, denn all diese Dinge, sie kosten kein Geld. „Glücklich ist, wer an die Wahrheit nicht glaubt“, sagt man. Spring in den Frühling, erkläre uns nichts.
10.
Die Angst wuchs heran, ist nützlich und schnell, wurde vom groben Messer zu einem Skalpell. Ob du einverstanden bist, spielt gar keine Rolle: Alles unter Kontrolle. Die Angst wird Vorsicht genannt, von allen gepflegt, eine Klinge, die trennt, was gemeinsam nicht geht. Ob du einverstanden bist, spielt gar keine Rolle: Alles unter Kontrolle. Ins Herbarium presst man jeden Protest. Ja, auch dieser Aufruhr verwandelt sich in Kultur. Deine Figur verliert hier jede Kontur. Drum sag, wenn man uns erwischt: „Wir waren es nicht!“
11.
04:04
Meine Fehler wären einer Maschine nicht passiert. „Du bist nur ein Freizeitpoet, für den nichts auf dem Spiel steht. Deine Freunde haben dich gern, aber keiner nimmt dich ernst.“ Peter Handke lacht und spricht: „Ich bin cool, du bist es nicht!“ Ich kann nicht ohne diese Not, die mich wichtig nimmt und mich bedroht, sie macht krank, ich brauche sie, aus ihr tropft die Poesie. Peter Handke lacht und spricht: „Ich hab den Glamour, und du nicht!“ Meine Fehler wären einer Maschine nicht passiert. Meine Fehler wären Peter Handke nicht passiert.
12.
02:50
Der Wind steckt seine Nase in mein Glas, streicht mir durchs Haar und sucht etwas: Ein Blatt, das er einst mit sich riss, durch die Ruinen trieb und dann verließ. Nun ist es fort, im Abendrot verbrannt. Ich habe es getröstet, in meiner Hand.

credits

released November 1, 2017

Ausgedacht und aufgenommen von Vienna Rest in Peace;
Gäste:
Marilies Jagsch – Gesang bei Sterbenswerte Stadt und Gefühle;
Alma, Oskar, Paul und Theodor – Chor bei Staat der Affen;
Hermann, Katharina und Ursula – Chor bei Peter Handke;
Mix: Gregor Tischberger;
Mastering: Martin Siewert;
Coverfotografie: Ursula Röck;
Grafik: Wolfgang Gosch;
Veröffentlicht von Trauerplatten – TRAUER 003
Copyright 2017

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